Eine Hommage an Picasso

Eine Bildbeschreibung und -interpretation von
Webseiten-Kurator Walter E. Goldhahn

Schach spielender Picasso (Variante I)
Acryl auf Leindwand, 40×50 cm
Schach spielender Picasso (Variante II)
Acryl auf Leindwand, 50×70 cm

Das Bild „Schach spielender Picasso“ (Variante I+II) von Kurt Berlo zeigt eine situative Kuriosität, mit der der weltberühmte Pablo Picasso üblicherweise gar nicht in Verbindung gebracht wird. Es ist noch nicht einmal bekannt, ob der gebürtige Spanier, der in seiner Freizeit eher den Stierkampf liebte, das Schachspiel überhaupt aktiv ausübte. Deshalb ist das Gemälde, das Kurt Berlo im Jahr 2023, also 50 Jahre nach Picassos Tot anfertigte, eher als reine Fiktion zu verstehen. Gleichwohl hat sich Picasso auch in einem seiner berühmten Werke mit dem Schachspiel auseinandergesetzt. Im Jahr 1911 entstand das Bild „Das Schachspiel“, das Picasso während seiner kubistischen Periode schuf. Das hier zu besprechende Gemälde „Schach spielender Picasso“ bietet auch vor diesem Hintergrund eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten. Dabei lassen sich die metaphorischen Implikationen des Schachspiels durchaus auf die Arbeits- und Lebensweise von Picasso übertragen und geben Einblick in seine Persönlichkeit und seine Kunst. Berlos Bild enthält darüber hinaus mehrere subtil gesetzte Deutungshinweise auf das Leben und Werk von Picasso. Doch zunächst stehen die bekannten Insignien aus Picassos Welt im Vordergrund. So trägt Picasso hier einen seiner bekannten blau-weiß gestreiften Pullover, das Marinière oder Trikot Rayé, das legendäre Kleidungsstück der Bretagne schlechthin. Es war jahrhundertelang die Arbeitskleidung der dortigen Küstenfischer und gehörte zu Picassos Lieblingsstücken. Sehr markant und mit einer sichtbaren optischen Verzerrung tritt seine rechte Hand deutlich in den Bildvordergrund. Das heißt, wir sehen als Hauptmotivbestandteil des Bildes eine Hand, die mit einem fast manischen Schaffensdrang insgesamt über 50.000 Kunstwerke hervorgebracht hat. Übrigens: Sehr oft wird behauptet, Pablo Picasso sei Linkshänder gewesen. Dafür gibt es aber keine wirklich glaubhaften Belege. Auf allen Fotos sieht man ihn nämlich mit rechts malen.

Die übergroß gezeigte rechte Hand kann somit zweifelsfrei als Verweis auf die immense Schaffenskraft von Picasso verstanden werden. Und dass seine Hand hier beim Schach zunächst nur eine Bauernfigur nach vorne rückt, soll Picassos lebenslange Verbundenheit mit den einfachen arbeitenden Menschen symbolisieren. Physiognomisch wird ein selbstbewusst aufblickender Picasso dargestellt, der in diesem Lebensalter längst weltberühmt war und wohl wissend, dass in der Öffentlichkeit quasi jede seiner Handbewegung unter Beobachtung stand. Eine gesellschaftliche Aufmerksamkeit, der er sich im wirklichen Leben gerne stellte und bei der er sich auch immer wirkungsvoll in Szene zu setzen verstand. In diesem Sinne präsentiert sich Picasso auch hier beim Schachspiel von seiner besten Seite. Wie in seinem künstlerischen Schaffen spielt im Bildmotiv ein schwarzer Stier eine wichtige Rolle. Bereits im kindlichen Alter von neun Jahren malte er sein erstes vom Stierkampf inspiriertes Ölgemälde „Der kleine Picador“. Hinter seinem Rücken agierend ist auf dem hier vorliegenden Bild die animalische Wildheit des Stieres zu erahnen. Aufgebracht, mit den Hufen scharrend, scheint er Picasso anstacheln zu wollen, das Spiel gleich offensiv zu eröffnen, um seinen Spielgegner schnell besiegen zu können. Sein Siegeswille und seine Kampfeskraft werden dadurch noch unterstrichen, dass die Hörner des Stieres geradezu aus dem Kopf von Picasso herauszuwachsen scheinen. Viele Kunstexperten sagen, Picassos Stiere seien ein Symbol für Brutalität und Männlichkeit. Andere wiederum halten den Stier für eine Form von Picassos Selbstreflexion. Unbestritten scheint zu gelten, dass Picasso ein innovativer und kompromissloser Künstler war, der nicht davor zurückgeschreckte, Tabus und Konventionen zu brechen. Selbstbewusst und entschlossen ist Picasso auf diesem Bild – gleich einem Torero in der Stierkampfarena – bereit, die begonnene Partie zu gewinnen. Sieht man Schach als Brettspiel, das eindeutig den Kampf zwischen zwei Armeen nachahmt, dann ist hier nicht zuletzt auch ein Verweis auf den spanischen Bürgerkrieg anzunehmen, der in den Jahren 1936 bis 1939 zwischen Faschisten unter General Franco und der demokratisch gewählten sozialistischen Regierung tobte. Bekanntlich schlug sich Picasso auf die Seite der Sozialisten, die er von Frankreich aus unterstützte.

Rechts neben dem Stierkopf erkennen wir auf Augenhöhe von Picasso das bemerkenswerte Porträt einer Frau (Der gelbe Pullover), das er im Jahr 1939 malte. Dabei sehen wir eine stilistische Eigenheit von Picasso, indem er das Frauengesicht in verschiedene Perspektiven zerlegte. Picasso schuf damit eine völlig neue Sichtweise in der bildenden Kunst. Es ist eines der Charakteristika, die seine Arbeiten unverwechselbar machten. Sicherlich hat Berlo auch hier eine Abbildung mit Symbolkraft gewählt, die auf die Bedeutung von Picassos unzähligen amourösen Eskapaden verweisen möchte. War Picasso doch auch dafür bekannt, dass er, gelinde formuliert, ein zweifelhaftes Verhältnis zu Frauen und insbesondere zu seinen Musen hatte.

Picasso als Hauptmotiv des Bildes wird von oben links bis unten rechts von farbig gemalten Karos bzw. Rauten eingefasst, die einen bunten Kontrast zur reduzierten Farbigkeit der übrigen Leinwandfläche bilden; wobei am unteren Bildrand die Quadrate des Schachbretts die geometrische Einrahmung des Hauptmotives fortsetzen. Dabei kann es in Zeiten multipler Krisen (Corona, Kriege in der Ukraine und in Nahost, Inflation und globaler Klimawandel) kein Zufall sein, dass Schachbrettmuster wie auch geometrische Netz- und Gitterformen – je nach Region – mit unheilabwehrenden (apotropäischen) Kräften in Zusammenhang gebracht werden. Insofern greift die Bildgestaltung auf eine Formensprache zurück, deren resilienzstiftende Bedeutung beachtet werden sollte. Zudem ist die karierte Bemusterung als symbolträchtiger Hinweis auf die Stilrichtung des Kubismus aufzufassen, für dessen maßgebender Begründer – neben Georges Braque – Pablo Picasso gilt. Die Farbe des abgebildeten Schachbretts ist in blau-weiß gehalten und kann hier als Symbol für Trauer und Melancholie gesehen werden. Picassos blaue Periode war nachweislich von diesen Emotionen geprägt. Picasso war ein Mensch, der sich auch mit den dunklen Seiten des Lebens auseinandergesetzt hat. Auch das Schwarz des bereits erwähnten Stiers steht für die dunklen Seiten der menschlichen Natur wie Gewalt und Zerstörung. Links neben Picasso ist ein in Gelb gemaltes, die Arme hochreißendes Strichmännchen zu sehen, dessen schmale Lendenpartie und aufbäumende Körpersprache durchaus als Habitus eines spanischen Stierkämpfers interpretiert werden kann, womit das Bild ein weiteres Lieblingsmotiv von Picasso aufgreift. Ebenfalls gelingt es Kurt Berlo mit diesem Gemälde, Picasso hier mit dem Homo ludens, dem spielenden Menschen, in Verbindung zu bringen. Das Modell des Homo ludens besagt, dass der Mensch das Spiel als elementare Form der Sinnfindung braucht. Der modernen Verhaltenspsychologie nach C. G. Jung verdanken wir die Erkenntnis, dass der Mensch das gesamte Leben im Spannungsverhältnis eines Spielenden und eines Spielers steht. So ist es naheliegend, der Person Picasso die Lust am Spielen zu unterstellen. Denn er war imstande, mit seiner Malerei der inneren Freiheit des Spielerischen Ausdruck zu verleihen.

Dass der Hintergrund des Bildes in Gold gehalten ist, darf hier nicht als zufällig hingenommen werden. Vielmehr wollte Berlo damit ganz nebenbei darauf hindeuten, dass Picasso es auch verstand, sein Talent und damit seine Werke schon sehr früh mit großem Geschick kommerziell zu verwerten. Er galt bereits zu Lebzeiten als der bedeutendste und reichste Künstler der Moderne. Sein Vermögen, das er hinterlassen hat, wird auf rund 700 Millionen Euro geschätzt. Heute noch, über 50 Jahre nach seinem Tod, erzielen seine Gemälde bei Auktionen gigantische Rekordsummen, die im dreistelligen Millionenbereich angesiedelt sein können.

Schlussendlich ist das Bild „Schach spielender Picasso“ ohne Abstriche als Hommage an Pablo Picasso zu verstehen, als eine rückhaltlose Huldigung an einen der größten Künstler des 20. Jahrhunderts. Viele seiner Werke gelten heute als Meilensteine der Kunstgeschichte. Und wenn hier fern aller Sehgewohnheiten Picasso in einer kuriosen Alltagssituation, nämlich dem Schachspielen, gezeigt wird, kann man das zumindest als originell auffassen. Selbst Kunstkenner*innen können beim ersten Betrachten des Bildes überrascht oder erstaunt sein. Eben weil die Tätigkeit des Schachspiels einem Pablo Picasso in keinem kunsthistorischen Kontext zugeschrieben wird, sind wir weit entfernt von einer stereotypen Darstellung einer einzigartigen Künstlerpersönlichkeit.

Resümee: Wie gezeigt werden konnte, bietet das Gemälde „Schach spielender Picasso“ eine ganze Fülle von Interpretationsmöglichkeiten, die ebenso menschliche Eigenschaften wie auch das künstlerische Schaffen von Picasso betreffen. Kurt Berlo gelingt es mit einem ungewöhnlichen Portraitbild das innere Wesen von Pablo Picasso sichtbar werden zu lassen. Und das ist – in des Wortes wahrster Bedeutung – ein beeindruckender Schachzug.


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