Ihr Abenteuer da draußen
Als ich im Herbst 1998 im Düsseldorfer Museum K20 die Ausstellung „Max Ernst – Skulpturen, Häuser, Landschaften“ besuchte, war ich von seinen Werken fasziniert. Diese Faszination, die sich auch auf seine Malerei bezieht, ist bis heute geblieben. So kam es, dass ich irgendwann auch das Max-Ernst-Museum in Brühl bei Bonn besuchte, was ich jedem nur sehr empfehlen kann.
Im Zuge dieser Begeisterung für Max Ernst ist meine Hommage an ihn entstanden. Als großer
Verehrer seiner Kunst war es naheliegend, ihn zusammen mit einem Hauptmotiv eines seiner Meisterwerke zu portraitieren. Dabei bezieht sich die Hommage auf sein Bild mit dem Titel „Weib, Greis und Blume“, das Max Ernst im Jahr 1924 malte. Dieser Max Ernst schmückt auch den Einband des von Werner Spies herausgegebenen Buches „Max Ernst Retrospektive 1979“. Das Original des Max-Ernst-Gemäldes hängt heute im New Yorker Museum of Modern Art. Werner Spies, Kunsthistoriker und der auch enger Vertrauter zu Lebzeiten des Künstlers war, klärt uns darüber auf, aus welcher Motivlage heraus Max Ernst dieses Meisterwerk schuf: „In gemeinsamen Abenden hatten die Freunde um Breton, Eluard und Max Ernst sich zusammengefunden, um durch das gegenseitige Erzählen von Träumen das Unbewußte und Verdrängte freizusetzen. Dieses Bild nimmt einen Traum von Max Ernst zum Anlaß, den dieser als Kind hatte.“
Hier soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass es sehr zu empfehlen ist, sich den wunderbaren Film (100 Minuten, 35 mm, Farbe) von Peter Schamoni anzuschauen, mit dem er 1991 (zum 100. Geburtstag von Max Ernst) eine cineastische Hommage an den Künstler und Freund Max Ernst in die Kinos brachte. Der Film trug den Titel: „Max Ernst – Mein Vagabundieren, meine Unruhe.“ Damit sei dem Regissieur und Drehbuchautor, so berichtete die WAZ am 13. Juli 1991, „ein Meisterwerk von erstaunlicher Vielfalt gelungen.“ Kurzum, für jede/n Max Ernst-Liebhaber*in ist dieser Film ein absolutes Muss!
Warum und wieso ich Max Ernst bewundere und seine Kunst wertschätze? Die surrealistischen Motive seiner Bilder, die aus seinen Träumen und Phanthasien hervorgehen, sprechen mich an und berühren mich emotional. Doch das ist es nicht allein. Es ist die Haltung von Max Ernst, die in seinen Bildern und Skulpturen zum Ausdruck kommt. Zu bewundern ist er auch deshalb, weil er sich ohne akademische Kunstausbildung größtenteils autodidaktisch weiterbildete und dennoch meisterhafte Gemälde hervorbrachte. Dabei verarbeiten viele seiner Bilder Kindheits- und die späteren Kriegserfahrungen aus dem 1. Weltkrieg. Mit seiner oft unlogischen Bildgestaltung schaffte er es, die Welt seiner Träume, seines Unbewussten und auch die Kombinationen von zufälligen Gestaltungselementen sichtbar zu machen. Wie im wirklichen Leben finden auf diese Art zufällige Ereignisse, spontane Ideen und eigentlich ungewollte Begegnungen Eingang in seine malerische Erlebniswelt. Dabei entsteht häufig eine intuitive Formen- und Farbensprache sowie eine sich daraus ergebende Deutungsebene, die sich nicht auf dem Reißbrett erfinden lässt. Malerei wird so zu einem großen Abenteuer und der Künstler schafft sich damit seine eigenen Überraschungen. Und Max Ernst wusste oft selber nicht, welche Hauptaussage aus einem Gemälde hervorgeht. Gerhard Richter kannte dieses Phänomen auch, weshalb er sagte: „Meine Bilder sind klüger als ich.“ Max Ernst kommentierte diese künstlerische Erfahrung mit den Worten: „Ein Maler, der sich findet, ist verloren.“
Als Mitglied der Dortmunder Künstlergruppe „Wilder Garten“ schuf ich meine Hommage während unseres alljährlichen Workshops im Sommer 2024 im wunderschönen wilden Garten unseres Galeristen Lothar Marquard. Am Ende des Workshops präsentierte ich die Max-Ernst-Hommage in einer Gruppenausstellung Freunden und Bekannten im wilden Garten von Claudia und Lothar Marquard. Während der Ausstellung kam ein alter Freund von mir auf
mich zu und sagte: „Kurt, das ist jetzt nicht dein Ernst?!“ Ich antwortete kurz und knapp: „Doch, das ist meine Hommage an Max Ernst!“ Mein Freund lachte und lobte das gezeigte Ergebnis.

Hommage an Max Ernst, 2024
Acryl auf Leinwand, 70×100 cm
Zusammengefasst lässt sich mein Bild so beschreiben: In Acryl auf Leinwand (70×100 cm) steht wie im Original eine halbdurchsichtige weibliche Rückenfigur mit nacktem Unterleib im Vordergrund, die auf dem Kopf einen aufgeklappten Fächer trägt. Mit den vollständig durchsichtigen Armen macht die Figur eine einladende Geste in Richtung des offenen Meeres, als ob sie sagen wollte: „Ihr Abenteuer da draußen, seid willkommen, kommt
zu mir, ich bin bereit, das Schicksal mit euch zu teilen!“ Links neben der Frauenfigur habe ich ein Portrait des großen Meisters selbst positioniert, der den Betrachtern in die Augen schaut. Es ersetzt den Greis, der im Original dort zu sehen ist. Auch durch diesen Rollentausch soll das Bild eine ebenso perspektivische wie inhaltliche Tiefe zum Ausdruck bringen, die sich in die Weite unserer Welt richtet und die Motivkombination soll bewirken, als wolle die weibliche Rückenfigur lange in uns wohnende Sehnsüchte und Wünsche artikulieren. Dadurch wird das Bild auch der Reise- und Unternehmenslust von Max Ernst gerecht, der immer neugierig war auf fremde Länder und Begegnungen.

Schreibe einen Kommentar