Eine Bildbeschreibung und -interpretation von Webseiten-Kurator Walter E. Goldhahn

Ein ewig Rätsel will ich bleiben …

Kurt Berlo gab diesem Bild – das in Acryl auf Leinwand (70 x 100 cm) angefertigt wurde – den Titel „König Ludwig II.: Ein ewig Rätsel will ich bleiben“. Und der Maler wäre nicht er selbst, wenn er uns mit diesem Bild nicht tatsächlich auch Rätselhaftes präsentieren wollte. Wenn wir gleich versuchen werden, die Aussage des Bildes zu deuten, müssen wir zunächst herausfinden, was hier eigentlich dargestellt wurde.

König Ludwig II.: Ein ewig Rätsel will ich bleiben
Acryl auf Leinwand, 70×100 cm

Ganz oben im Hintergrund können wir fünf mächtige Türme erkennen, die stark an das märchenhafte Schloss Neuschwanstein erinnern, das vor rund 150 Jahren im Allgäu fertiggestellt worden ist. Zudem taucht im linken oberen Viertel des Bildes unverkennbar ein weißer Schwan auf, der seinen Kopf senkrecht nach oben reckt, als wolle er es den Schlosstürmen gleichtun, die ebenfalls mit ihren Turmspitzen steil in den Himmel ragen. Zweifelsfrei versichert uns dieser ikonographische Hinweis in Gestalt eines weißen Schwans, dass wir es hier wirklich mit der symbolischen Abbildung des Märchenschlosses Neuschwanstein zu tun haben.
Hinter den weißen Türmen ist die Leinwand in königsblau gehalten. Auch dies kann bereits als chromatische Deutungsebene verstanden werden, dass in diesem Bild ausschließlich royal affairs – und zwar originär bajuwarische – thematisiert werden. Und tatsächlich, ganz im Vordergrund könnte der Bauherr und Initiator des Schlossbaus Neuschwanstein selbst, nämlich der aus dem Haus Wittelsbach stammende König Ludwig II. von Bayern – hier etwas verträumt blickend, dabei noch ohne Schnurr- und Spitzbart dargestellt – zu erkennen sein.
Mit der Identifizierung dieser zentralen Motive des Bildes ist man des Rätsels Lösung schon einen Schritt näher gekommen. Vom dargestellten Bayernkönig wird in zahllosen Überlieferungen berichtet, dass er unentwegt mit eigenwilligem Habitus, Auftreten und Verhalten dazu beitrug, eine geheimnisvolle und zuweilen eine von allem Weltlichen entrückte Aura um seine Person zu schaffen, die in ihrer Wirkung bis heute anhält und millionenfach Touristen aus aller Welt in ihren Bann zieht. Um das Geheimnisvolle seiner königlichen Exzellenz noch zu befeuern, gab König Ludwig II. bei festlichen Tafelrunden oder dramatisch inszenierten Gelegenheiten und anderen theatralisch opulenten Ausschweifungen, von denen sein Lebensstil in reichhaltiger Manier geprägt war, gerne kund: „Ein ewig Rätsel will ich bleiben mir und anderen“. Somit befinden wir uns bereits auf sicherem Terrain, dass sich Kurt Berlo in diesem Bild tatsächlich mit König Ludwig II. beschäftigt hat, dem legendären Bayernkönig, der im Jahr 1886, kurz nach seiner Entmündigung, auf rätselhafte Weise ums Leben kam.

Als man ihn tot am Ufer des Starnberger Sees fand, gab es Mutmaßungen, Verdächtigungen und Spekulationen zuhauf, die vom Freitod bis zum Mord alles aufzubieten hatten, was bei mysteriösen Todesumständen in Königshäusern seit Jahrtausenden immer wieder zu beobachten war.
Es verbietet die seriöse Behandlung des Themenkreises strikt, uns an
diesen zum Teil sehr wilden Spekulationen zu beteiligen, vielmehr wollen
wir hier allein auf der Sachebene erkunden, welchen Fokus der Maler in
seinem Bild gesetzt hat. Gleichwohl scheint das Gemälde den polymorphen
Begriff des Königsmords zu thematisieren. Was kann uns also dieses Bild im
Kontext heutigen Wissens mitteilen? Oder konkreter gefragt: Enthält das
Bild eine besondere Botschaft oder gar ein Geheimnis, etwa einen Code
oder eine verschlüsselte Mitteilung, die vielleicht sogar Hinweise
enthalten könnte, die immer noch rätselhaften Umstände des Todes von
König Ludwig II. aufzuklären?
Aus diesem Grunde wird das Deutungsinteresse auf ein Detail des Bildes
gelenkt, das etwa mittig zu Beginn des unteren Drittels zu finden ist.
Wir können hier eine Formel erkennen, die wie folgt lautet: D-Ω-28. Was
hat dies zu bedeuten? Ergibt sich hier überhaupt ein Sinn? Will uns hier vielleicht jemand mit einer falsche Fährte an der Nase herumführen oder gar ein sinnentleertes Statement abgeben, allein um dem Bild eine
geheimnisvolle Attitüde des Unergründlichen zu verleihen? Nein, hier sollte
an der Ernsthaftigkeit des Werkes nicht gezweifelt werden. Aber welche
versteckte Botschaft könnte in dem Bild enthalten sein? Um das Rätsel, sprich
die Bedeutung des dargestellten Codes herauszufinden, können uns Geheimschriften und Verschlüsselungstechniken weiterhelfen, die
seit jeher an Königshäusern verwendet wurden, wenn es darum ging, von
Kurieren geheime Botschaften überbringen zu lassen.
Hierbei ist ein Buch des englischen Autors Simon Singh mit dem Titel „Geheime Botschaften“ hilfreich, welches im Jahr 2000 auf dem deutschen Büchermarkt erschienen ist. Singh beschäftigt sich mit der Kunst der
Verschlüsselung von der Antike bis in die Zeiten des Internet. Er klärt
uns darüber auf, dass, wenn es darum geht, Nachrichten vor fremden
Mitwissern zu schützen, der menschliche Erfindungsgeist keine Grenzen
kennt. Singh erzählt uns, dass Geheimsprachen immer wieder von
Herrschaftshäusern und Regierungen verwendet wurden, um zu verhindern,
dass wichtige Informationen in falsche Ohren geraten. „Das haben die
alten Griechen genauso gehalten wie Maria Stuart oder die Generäle des
zwanzigsten Jahrhunderts“, teilt uns der Klappentext des Buches mit.
Allerdings führte es zu weit, wollten wir uns hier tatsächlich so sehr
mit der Kunst des Dechiffrierens verschlüsselter Botschaften beschäftigen, dass wir in der Lage wären, die im Gemälde verwendete Formel D-Ω-28 knacken zu können.
Der Maler hatte dieses Buch von Simon Singh offensichtlich zur Hand und in
ihm die Lust geweckt, selbst mit verschlüsselten Botschaften zu
experimentieren. Hier geht es konkret um eine Verschlüsselungstechnik, die sogenannte Codewörter verwendet. Bei diesem Verfahren der Substitution wird jedes Wort durch ein anderes Wort oder Symbol ersetzt. Und somit entsteht ein geheimer Code, der nur dann entschlüsselt bzw. gelesen werden kann, wenn der Empfänger der Botschaft eine Liste der vereinbarten Codewörter besitzt.
Um die geneigten Leser*innen nicht weiter auf die Folter zu spannen,
gleich sind wir des Rätsels Lösung auf der Spur. Auf Seite 47 der
deutschen Ausgabe von Simon Singhs Buch können wir die Klarbotschaft
erfahren. Das „D“ im Bild steht hier für „ermorden“ und das „Ω“ heißt „König“. Die Zahl 28 gibt Auskunft über den Zeitpunkt und bedeutet „heute Nacht“. Somit ist das Rätsel enthüllt, die Klarbotschaft lautet: „Ermordet den König heute Nacht.“
Dieser Satz lässt aufmerken und gleich neue Fragen entstehen: Kann es
denn vielleicht sein, dass damals, fast hundert Jahre nach der Französischen Revolution, in Bayern der Drang nach bürgerlichen Freiheitsrechten so groß geworden war, und dass in den Münchener Salons und Kaffeehäusern ernsthaft über einen Sturz des feudalen Herrschaftssystems nachgedacht wurde, der am schnellsten mit dem Tod des Königs und seinen Gefolgsleuten herbeizuführen sei?

Aber welchen Sinn hätte das machen können, wenn sich die antiroyalen Kräfte auf einen König kaprizierten, der ohnehin schon entmachtet und sogar entmündigt worden war? Es stellt sich überdies die Frage, ob mit dieser Botschaft überhaupt ein wichtiger Hinweis gegeben werden kann, dass es sich beim Tod von König Ludwig II. von Bayern tatsächlich um einen Mordkomplott gehandelt hat. Und hier müssen wir einfach ehrlich sein und in aller Offenheit gestehen: Wir wissen es nicht. Es kann Mord, Selbstmord oder ein Unfall gewesen sein. Eigentlich nur zwei Dinge sind beim Zu-Tode-Kommen von König Ludwig II. gewiss: Erstens, die rätselhaften Umstände haben den Mythos um seine Person noch verstärkt und zweitens: Ein ewig Rätsel wird es bleiben.


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